Filmkritik: Rental Family
- Felix Knorr

- 17. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Nach seinem Oscar-Gewinn für The Whale ist Brendan Frasor endgültig zurück. Nun spielt er ironischerweise einen erfolglosen Schauspieler - allerdings in Tokio.
Rental Family (2025: Hikari), Kinostart: 08. Januar 2026
Filmische Aufnahmen von Tokio gleichen sich oft. Menschenströme wogen durch die Straßen, ein endloses Pulsieren, das im massenmedialen Orbit zu verfließen scheint. Kaum noch Individuen, sondern Schatten einer anonymen Bewegung, verwoben zu einer tragischen Homogenität. Wolkenkratzer und Wohnblöcke schließen das urbane Leben ein, in denen Bewohner in Isolation hausen und die Bewohner nur durch ihre Tristesse vereint werden. Während man in die Fenster der Nachbarn blickt, denkt jeder, der andere führe das schönere Leben.

Zu den Personen im Gebäudekomplex gehört auch der erfolglose Schauspieler und US-Migrant Philip Vandarpleog (Brendan Fraser), der in der japanischen Hauptstadt einst als Werbefigur einer Zahnpasta-Marke bekannt wurde. Da die Aufträge weniger werden, schließt er sich einer Firma an, die professionelle Leihfamilien anbieten: So schlüpfen auch Gründer Shinji (Takehiro Hira) und die Angestellte Aiko (Mari Yamamoto) in die Rollen vermeintlicher Freunde oder gespielter Affären.
Philip zögert zunächst mit seinem Engagement bei dem Unternehmen, da er nicht mit Gefühlen von Menschen spielen möchte. Doch als er bei seinem ersten Auftrag den Ehemann einer Frau spielt, damit diese mit ihrer vor der konservativen Familie verborgenen Partnerin emigrieren kann, erkennt er, dass selbst ein moralisch fragwürdiges Konzept hilfreich sein kann.
Wir alle spielen Theater
Das Konzept einer solchen Leihfamilien-Agentur ist keine Fiktion. Werner Herzog hat es bereits in seinem hybriden Werk aus Dokumentation, Spielfilm und Reenactment aufgegriffen: Family Romance, LLC heißt nicht nur sein Film, sondern auch die reale Agentur, die ebenso Einfluss für „Rental Family“ sein dürfte. Wie auch in Herzogs Erzählung steht hier die Rolle eines Ersatzvaters im Mittelpunkt, der einem Mädchen (Shannon Mahina Gorman) beisteht, um den äußeren Anschein einer intakten Familie zu wahren. Denn nur mit Philips Beteilung scheint die Aufnahme an einer renommierten Schule möglich.
In dieser Gesellschaft, in der noch immer Konservatismus und Normkonformität herrschen, scheint es unmöglich, sich mit seelischen Problemen auseinanderzusetzen, und so wird versucht, vakante Stellen mit künstlichen Szenarien zu füllen. Akiro bezeichnet Philip zwischenzeitlich als „Gaijin“ – einen abwertenden Begriff für westliche Ausländer –, weil er die japanische Gesellschaft und ihr zwischenmenschliches Miteinander nicht verstehen zu scheint. Schnell entwickelt er eine Verbindung zu der aufgeweckten Mia – und auch das Mädchen nimmt ihn als Vaterfigur an. Die unausgesprochene Regel besagt aber, dass kein Kontakt außerhalb des beruflichen Engagements gepflegt werden darf.

Dass solch ein Konzept funktioniert, erscheint nicht verwunderlich, so gilt Tokio als Ballungsraum mit 37 Millionen Einwohnern als größte Stadt der Welt. Vereinsamung ist in den Metropolen ein gängiges Phänomen und besonders im Alter fühlen sich viele allein gelassen. Rental Family forciert noch einen zweiten großen Handlungsstrang, indem Philip einen erfundenen Journalisten gibt, um den dementen Schauspieler Kiku Hasegawa (Akira Emoto) zu interviewen und dessen Vermächtnis zu ehren. Dem gutmütigen Anliegen des Filmes gelingt es nicht, die persönlichen Geschichten zu einem homogenen Überthema zu vereinen – auch, weil angerissene Schicksale nicht ebenbürtig behandelt oder in Montagen für handzahmen Humor zweckentfremdet werden.
Tritt niemals aus der Rolle heraus
Was bedeutet Familie und wie viel Wert sind unsere Erinnerungen? Fragen entstehen durch das spannende Konzept automatisch, doch Hikari (37 seconds) konzentriert sich mit ihrem zweiten Spielfilm auf eine Feel-Good-Tragikkomödie. In Rollen schlüpfen wir tagtäglich auch ohne professionelle Agentur für Liebesbedürftige, gerade deswegen war Herzogs filmischer Jonglage zwischen Dokumentation und Fiktion so spannend. Hier verkommt die visuelle Einführung der Metropole zu bloßer Behauptung, wenn die Situationen geschliffen-gradlinig und ohne jede Überraschung verlaufen. Die Musik von Jón Þór Birgisson und Alex Somers betont die emotionalisierte Stimmung der Bilder so stark, dass sich innerhalb der vorgefertigten Szenarien kaum ein anderes Empfinden einstellen kann. „Rental Family“ rührt eine gesellschaftliche Sinnsuche mit Sentiment an, ohne Raum für jene Zwischentöne zu lassen, die nötig wären, um wirklich aus der Rolle zu fallen.
Selbstredend lösen sich die Probleme schlussendlich auf und auch tragische Momente werden in kühnster Hollywood-Manier dargeboten. Urplötzlich findet bei allen Beteiligten ein moralisches Umdenken statt, doch mit Menschlichkeit hat dieses unterkomplexe Ethos wenig gemein. Fraser verleiht seiner Figur eine bemerkenswerte Sanftheit, und auch wenn Philip als gutmütiger Ruhepol in einer flüchtigen Umgebung agiert, sind seine wahren Gefühle, ob Fürsorge oder Freundschaft, letztlich Produkt des professionellen Vorspiels.
Rental Family verläuft als aalglatte Tragikomödie mit einem sanften Hauptdarsteller, die ihre eigentlich spannende Sinnsuche zu gradlinig konstruiert, dabei sentimental verklärt und keinen Raum für Zwischentöne lässt.




Kommentare